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1. Einstieg
Wenn du magst: Magst du uns kurz erzählen, wie dein beruflicher Alltag aussah, bevor die Diagnose dein Leben verändert hat? Was hat dir an deiner Arbeit besonders Freude gemacht?
In der Zeit vor der Diagnose befand ich mich in einer beruflichen Stresssituation, da in meinem Arbeitsbereich gerade eine Umstrukturierung vorbereitet wurde, meine Rolle wegfiel und ich vor der Entscheidung stand, mich intern für einen neuen Job zu bewerben oder die Firma zu verlassen. Ich war seit über 20 Jahren bei dieser Firma und habe mich grundsätzlich sehr gut aufgehoben gefühlt. Ich habe viel lernen dürfen, mit sehr innovativen Produkten zu tun und verspüre in meiner Arbeit ein tiefes Gefühl der Sinnhaftigkeit. Einer der wesentlichsten Aspekte bei der Arbeit war – und ist – der Zusammenhalt im Team, diese wunderbaren Menschen, meine Kolleg:innen.
Wie hast du den Moment erlebt, als du von der Diagnose erfahren hast – und welche Rolle spielten in diesen ersten Tagen bereits deine Gedanken an deinen Beruf?
Mir hat es - so wie man es von fast allen, die in diese Situation gekommen sind, hört – „regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen“. Der Beruf war da so gar nicht mehr in meinem Kopf. Nicht, dass dieser Gedanke unwichtig wurde, doch war der Überlebensdrang um ein Vielfaches stärker als die Sorge über die berufliche Zukunft und hat letztere gar nicht erst aufkommen lassen. Einer meiner ersten Gedanken war viel eher: Wie sage ich‘s meiner Schwester? Gleichzeitig hatte ich ein unbändiges Verlangen danach zu flüchten. Nur wusste ich nicht wohin mit mir. Wie kann man vor einem Tumor, der in einem steckt, weglaufen?
2. Der Umgang am Arbeitsplatz
Die Entscheidung, wann und wie man die Diagnose im Betrieb anspricht, ist sehr persönlich. Wie hast du diesen Schritt erlebt, deinen Arbeitgeber und deine Kolleg:innen zu informieren?
Ich habe die Diagnose um fünf Uhr am Nachmittag erhalten und war zu diesem Zeitpunkt im Büro. Ich bin instinktiv direkt zur Leiterin unserer Personalabteilung gegangen und habe ihr von meiner Diagnose erzählt. Ich habe in dieser Hinsicht ein großes Vertrauen, da ich den Umgang bei uns in der Firma im Hinblick auf vergleichbare Fälle immer als sehr menschlich erlebt habe. Meinen Kolleg:innen habe ich es erst zu einem Zeitpunkt erzählt, als ich mich etwas gefangen hatte und imstande war, auszusprechen, dass ich Brustkrebs habe.
Wie haben dein Umfeld und deine Vorgesetzten reagiert? Gab es Momente oder Gesten, die dir in dieser Zeit besonders gutgetan haben (oder vielleicht auch Reaktionen, die du dir anders gewünscht hättest)?
Man ist mir durchweg mit großem Verständnis und Mitgefühl/Feingefühl und passender Zurückhaltung begegnet. Sehr dankbar bin ich auch der Leiterin der Personalabteilung, welche mir das glaubwürdige Gefühl vermittelt hat, dass ich mir die Zeit nehmen kann, die ich benötige. Viele Kolleg:innen haben sich auch nach mir erkundigt bzw. mir liebe Zeilen geschickt. Eine Kollegin hat mir einen Talisman geschickt, den ich heute noch bei mir trage.
3. Während der Behandlung
Während der Therapie steht die Heilung an erster Stelle. Konntest du dich in dieser Zeit komplett auf deine Gesundheit konzentrieren, oder gab es den Wunsch (oder Druck), den Kontakt zur Arbeit aufrechtzuerhalten?
Ganz besonders wichtig war für mich die Zeit kurz nach der Diagnose. Hier brauchte ich Zeit für mich, um mich mit der Tatsache vertraut zu machen, dass ich eine schwere Erkrankung habe und um einen Weg zu finden, damit einigermaßen umgehen zu können. Die Zeit der Ungewissheit war eine sehr anstrengende und meine Kraft hat gerade einmal dafür gereicht, meinen Behandlungsweg zu verstehen und zu organisieren. In dieser Zeit wäre es für mich nur schwer möglich gewesen zu arbeiten.
Hat dir die Arbeit – oder der Gedanke an deinen Beruf – während der Behandlung vielleicht auch ein Stück Struktur oder Normalität gegeben, oder war der Abstand zur Arbeitswelt in diesem Moment wichtiger für dich?
Während der Zeit der psychischen Instabilität war der Abstand zur Arbeitswelt wichtig für mich, da ich meine ganze Energie für mich selbst gebraucht habe. Meine Behandlung nach der Operation war insgesamt nicht so belastend, sodass ich dann relativ rasch wieder arbeiten konnte.
4. Der Wiedereinstieg & der neue Alltag
Wie verlief für dich der Weg zurück an den Arbeitsplatz? Welches Modell oder welche Unterstützung hat dir beim Wiedereinstieg geholfen?
Auch das ist seitens meines Arbeitgebers sehr flexibel und einfühlsam mir gegenüber gehandhabt worden. Ich konnte mir die Zeit nehmen, die ich benötigt habe, musste auch nicht zwingend 38h in der Woche arbeiten, sondern konnte mir zwischendurch Auszeiten nehmen, wenn ich sie gebraucht habe. Da ich relativ bald nach meiner Operation wieder arbeiten gehen konnte, handelte es sich dabei allerdings auch nur um sehr wenige Wochen, sodass der Zeitraum überschaubar blieb. Diese Vorgehensweise hat mir extrem viel Druck genommen und ich bin heute noch sehr dankbar dafür.
Hat sich deine Sicht auf deinen Beruf, deine Belastungsgrenzen oder deine Karriereziele durch die Erkrankung verändert? Wie gehst du heute mit deinen Kräften um?
Das kann ich ganz klar mit JA beantworten, auch wenn ich jetzt nicht gänzlich zu einem “anderen Menschen” geworden bin. Für mich war der Beruf an sehr hoher Stelle angesiedelt und habe diesem in meinem Alltag sehr viel untergeordnet. Ich kann nicht behaupten, dass sich das völlig gedreht hat. Aber ich kann sagen, dass ich nun doch viel mehr (als früher) auf mich und meine Kräfte achte. Karriereziele haben an Wichtigkeit verloren, ich bin tatsächlich auch eine Karrierestufe “abgestiegen” und fühle mich sehr wohl dabei. Die Sicht auf das Leben hat sich - so platt sich das auch anhören mag - tatsächlich etwas verändert. Die Zeit ist wertvoller für mich geworden, ich achte öfters auf “kleinere” Dinge, ärgere mich nicht mehr so schnell bzw. so heftig über “unwichtige” Dinge und verbringe mehr Zeit mit Freunden.
5. Botschaft & Wünsche für die Zukunft
Was würdest du anderen Frauen raten, die frisch die Diagnose erhalten haben und sich große Sorgen um ihre berufliche Zukunft machen?
Ich möchte davon absehen, Ratschläge zu geben, da jeder Mensch anders mit dieser Situation umgeht - je nach Persönlichkeit oder auch je nach finanzieller Lage. Ich kann nur von mir sprechen und teile gerne meine Erfahrung, dass mir - als ich wieder einigermaßen klar denken konnte - sehr bewusst wurde, was ich will und, ganz besonders, was ich NICHT will und fest entschlossen war, in dieser Hinsicht keine Kompromisse einzugehen. Für Kompromisse ist das Leben zu wertvoll.
Wenn du dir von Arbeitgebenden und der Gesellschaft etwas wünschen dürftest im Umgang mit chronisch oder schwer erkrankten Mitarbeiter:innen – was wäre das?
Ich wünsche mir, auch für andere betroffene Patientinnen im Arbeitsalltag, einen Umgang, ähnlich wie jenen, den ich in meinem Arbeitsumfeld erleben durfte. Keinen Druck dahingehend verspüren zu müssen, dass man eventuell seinen Job verliert, wenn man jetzt eventuell länger nicht “funktioniert”. Ich bin froh, dass ich nichts verheimlichen bzw. mir keine Gedanken darüber machen musste, wem ich was erzählt habe. Der Zuspruch, den ich durch viele Kolleg:innen erhalten habe, hat mir persönlich gut getan. Zudem hat die Transparenz sicherlich dabei geholfen, dass meine Kolleg:innen Verständnis dafür aufbringen konnten, wenn ich mich etwas zurückgenommen habe oder - speziell in der Zeit der täglichen Fahrten zur Bestrahlung - einfach nicht da war.