Fortschritte in der Brustkrebs-Chirurgie: Schonender und individueller
In den letzten 30 Jahren konnte die Behandlung von Brustkrebs stark verbessert werden. Noch bis in die 90er-Jahre war es Standard, die gesamte Brustdrüse und alle Lymphknoten in der Achselhöhle zu entfernen. Das war für viele Frauen körperlich und seelisch belastend und führte oft zu Nebenwirkungen, wie z.B. einem Lymphödem am Arm.
Heute ist das Ziel, so viel wie nötig, aber so wenig wie möglich zu operieren. Man nennt diesen Trend “Deeskalation”.
In der Brustchirurgie werden neoadjuvante Therapien verwendet, das heißt, dass vor der Operation eine medikamentöse Therapie durchgeführt wird. Das kann den Tumor so weit verkleinern, dass eine komplette Entfernung der Brust oft nicht mehr notwendig ist.
Viele onkologische Brustchirurgen nutzen heute Techniken aus der plastischen-ästhetischen Chirurgie. Hier wird der Tumor entfernt und gleichzeitig die Brust gestrafft oder neu geformt. Studien belegen, dass dieses Vorgehen selbst bei größeren oder aggressiven Tumoren medizinisch sicher ist und Patientinnen mit dem Ergebnis deutlich zufriedener sind. 1, 2
Durch die neuen medikamentösen und chirurgischen Möglichkeiten kann heute bei den meisten Patientinnen die Brust erhalten bleiben. Falls doch eine Entfernung der gesamten Brustdrüse notwendig ist, hat sich der Wiederaufbau mit einem Implantat bewährt. Während man die Implantate früher meist unter den Brustmuskel legte, setzt man sie heute überwiegender vor den Muskel. Diese Methode ist schonender, sieht natürlicher aus und verhindert das unangenehme Mitbewegen des Implantats bei Muskelanspannungen. Aktuelle Studien untersuchen derzeit noch, wie zufrieden die Patientinnen mit den zwei unterschiedlichen Methoden langfristig sind. 3
Ebenfalls große Neuerungen gibt es bei der Behandlung der Lymphknoten in der Achselhöhle. Studien zeigen, dass selbst bei einem geringen Befall der Lymphknoten eine umfangreiche Entfernung oft nicht mehr notwendig ist. Bei kleinen, weniger aggressiven Tumoren und unauffälligem Ultraschall kann bei vielen Patientinnen sogar ganz auf die Entfernung von Lymphknoten verzichtet werden. 4 Falls jedoch die Lymphknoten auffällig sind, wird derzeit untersucht, ob statt einer kompletten Ausräumung der Achselhöhle eine gezielte Entfernung der Knoten in Kombination mit der Bestrahlung ausreicht.
Im Studiendesign konnte nach einer neoadjuvanten Chemotherapie (d.h. eine Chemotherapie findet vor der Operation statt) gezeigt werden, dass bei isolierten Tumorzellen auch bei Eingriffen an den Lymphknoten in der Achselhöhle verzichtet werden kann. Retrospektive Daten unterstützen dieses Vorgehen, wenn adjuvant eine Strahlentherapie der Achsel durchgeführt wird. 5
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Brustkrebs-Chirurgie heute viel individueller geworden ist. Früher gab es nur wenige Operationstechniken bei Brustkrebs, bei denen oft das Aussehen der Brust stark verändert wurde. Heute wird die Behandlung für jede Patientin persönlich geplant und berücksichtigt dabei die Art und Größe des Tumors sowie das Alter der Frau. Dank dieser modernen Ansätze sind die Eingriffe heute viel kleiner und schonender, während die Heilungschancen gleichzeitig hervorragend bleiben.
1 Bolliger, IJS 2022
2 Fitzal, Ann Surg Oncol 2022
3 Kappos, BMJ Open 2022
4 Gentilini, JAMA Oncol 2023, Reimer, NEJM 2024
5 Montagna, JCO 2024